Laufwunderland
Selten gibt es in Europa und den USA ein Marathon-Siegesfoto ohne kenianische Beteiligung. Was aber macht die Läuferinnen und Läufer aus dem ostafrikanischen Land aber so schnell und ausdauernd? Gibt es dafür vielleicht wissenschaftliche Erklärungen und sind wir Europäer von vornherein genetisch unterlegen und chancenlos?
Wie so oft lassen sich die Gründe für die Dominanz kenianischer Athleten nicht auf eine Ursache reduzieren. Es ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die in der Summe eine ideale Ausgangsbasis für eine Karriere als Läufer bieten.
HÖHENLAGE
Die große Mehrheit kenianischer Athleten stammt aus Regionen westlich von Nairobi in einer Seehöhe zwischen 1700m und 2500m. Oft wurde diese “Wohnsituation” als Hauptgrund für außergewöhnliche Ausdauerfähigkeit genannt. In einer Studie der Universität Bayreuth zeigte sich jedoch, dass zwischen europäischen und kenianischen Spitzenläufern in puncto Blutvolumen und Hämoglobin, den wesentlichen Indikatoren der Höhenlage, nur minimale Unterschiede bestehen.
LEBENSSTIL
Wer kennt nicht die Geschichten von kenianischen Schulkindern, die mehrere Kilometer täglich zur Schule und retour laufen müssen? Auch Haile Gebreselassie, der äthiopische Ausnahmeläufer, hat von derartigen Eindrücken aus seiner Kindheit berichtet. Und klarerweise gibt es auch in Kenia viele Beispiele von Athleten, die bereits im Schulalter zwangsläufig mit dem Laufen ihre Erfahrungen machten.

Meist ist es jedoch nicht das Laufen, sondern das Gehen. Autos besitzt fast niemand und da auch der öffentliche Verkehr für viele zu teuer ist, wird gegangen. Zur Schule, in die Stadt, zum Geschäft, zu Freunden, zur Kirche, … und nicht nur wenige Meter, sondern oft viele Kilometer hin und wieder retour. Damit schafft man sich unbewusst einen Vorteil gegenüber der stark mobiliserten Gesellschaft in Europa und Nordamerika in puncto Geh- und Laufökonomie.
LAUFÖKONOMIE
Bisher unterschätzt, ist ein durch günstigere biomechanische Voraussetzungen ökonomischerer Laufstil der Kenianer einer der bedeutendsten Gründe für ihre Leistungsfähigkeit. Wer hat noch nicht darüber gestaunt, wie locker und problemlos Kenianer Kilometer um Kilometer eines Marathons in einem hohen Tempo abspulen?
Sie scheinen oft zu schweben und nur selten ist in ihren Gesichtern eine Anstrengung zu erkennen. Der dafür verantwortliche spezielle Laufstil kann im Rahmen unserer Laufcamps bei jedem Training, Schulter an Schulter mit den Spitzenathleten – soweit für uns Europäer möglich - geschult und erlernt werden.
KÖRPERGEWICHT
Aufgrund eines geringeren Körpergewichts ist auch der Sauerstoffbedarf der Läufer geringer und somit die Ausdauerleistung höher. So einfach die Erklärung auch klingt, so entscheidend ist sie auch. Auch wir Europäer merken bei sportlichen Aktivitäten schnell einen Unterschied, sobald sich unser Körpergewicht auch nur geringfügig verringert.
Die Ursachen für dieses geringere Körpergewicht sind jedoch nicht genetisch bedingt, sondern Folgen der Ernährung. Nahezu fleischlose aber ausgesprochen kraftspendende Speisen, Fett nur in geringsten Spuren, keine Süßigkeiten und kein Alkohol bieten die Basis für sportliche Leistungen. Einen Einblick in diese Art der kenianischen Läuferkost bekommst du täglich in unseren Laufcamps. Gemeinsam mit den Sportlern in der Küche oder zumindest am Esstisch lernst du die Geheimnisse der kenianischen Küche kennen.
MOTIVATION
Unserer Erfahrung nach der entscheidende Faktor! Eine extrem hohe Arbeitslosigkeit, extremer Kinderreichtum und damit verbunden eine vielfach vorherrschende Aussichtslosigkeit für viele Jugendliche dient als idealer Nährboden für unbändige Motivation. Der Laufsport ist ein Lichtstreifen am Horizont vieler Jugendlicher, die davon träumen mit Erfolgen bei internationalen Marathons in den USA, Europa und Asien den Sprung aus der Armut zu schaffen. Dadurch entsteht eine Härte zu sich selbst, die vielen Europäern fremd ist, beim täglichen Training augenscheinlich wird und sich bei Wettkämpfen bezahlt macht. Trainiert man mit Kenianern, hört man immer wieder den Spruch, der vieles auf einen Nenner bringt: Train hard, win easy!
Im Laufsport überaus erfolgreiche Vorbilder verstärken diese Motivation.
Was für Äthiopien Haile Gebreselassie, ist für Kenia aktuell Marathon-Olympiasieger Sammy Wanchiru, in den letzten Jahrzenten Paul Tergat und in der Vergangenheit Kipchoge Keino.
Paul Tergat, Marathonrekordler und fünffacher Crossweltmeister ist für alle kenianischen Athleten ein Begriff und großes Vorbild. Nach wie vor ist er bei zahlreichen internationalen Marathons erfolgreich und trainiert wenige Kilometer westlich von Nairobi in der Stadt Ngong.
Der alte Herr des kenianischen Laufsports ist Kipchoge Keino. Geboren 1940 wurde er 1968 und 1972 Olympiasieger über 1500m bzw. 3000m Hindernis und damit zum Idol aller kenianischen Sportler. Nach seiner Läuferkarriere wurde er Präsident des kenianischen olympischen Komitees und gründete ein Waisenheim im Westen Kenias (Kip Keino Foundation), das fortan zu seinem Lebensmittelpunkt wurde.















