Leben und trainieren mit kenianischen Läufern – Ein Bericht von Laufgast Bettina

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Es ist 6:30 Uhr. Draußen ist es kalt und nass. Ein Morning Run steht auf dem Programm. Zuhause laufe ich nie vor dem Frühstück. Hier bleibt mir nichts anderes übrig. Das Frühstück wird danach um so besser schmecken, versuche ich, mich zu motivieren. Ich kämpfe noch mit der Höhenlage. Ich habe einen Brummschädel und mir ist leicht schwindlig. Aber bereits am Ende des ersten Tages werden die Kopfschmerzen verschwunden sein.
Seit gestern sind wir auf der Turracherhöhe in Österreich. Unsere Unterkunft, die Almstube, liegt auf 1.850 m Höhe. Im Winter wird sie von den Skifahrern besucht, aber in den Sommermonaten ist die Hütte nicht bewirtschaftet und gehört ausschließlich der Laufgruppe. Hier leben und trainieren von Mitte Juni bis Mitte September etwa 17 kenianische Läufer. An den Wochenenden starten sie auf diversen Rennen in Österreich, Deutschland, der Schweiz oder Italien. Unter der Woche betreuen sie Gäste, die – wie wir – im Rahmen einer Laufwoche hier hinauf kommen, um zusammen mit den kenianischen Athleten zu trainieren, gegenseitig Einblick in die fremde Kultur zu erhalten und gemeinsam zu kochen, zu lachen und einfach Zeit miteinander zu verbringen.
Keine Minute zu früh, aber auch nicht zu spät, treffen sich alle Läufer vor dem Haus. Es wird eine 5 km lange Runde um den See angekündigt. In meiner Vorstellung ist eine Seerunde flach. Ich denke an einen Uferweg, asphaltiert oder gepflastert, promenadenähnlich. Die tatsächliche Laufstrecke sieht dagegen etwas anders aus. Zunächst geht es auf grobem Untergrund hinunter zum See. Im Halbschlaf nehme ich den Abstieg noch vorsichtiger als sonst, schließlich will ich nicht noch vor dem Aufwachen einen Sturz hinlegen. Am See angekommen geht es gleich einen Gegenanstieg hinauf und dann zieht sich der Weg wellig um den See herum. Am Ende geht es dann den Weg, den wir gekommen sind, wieder hinauf. Fast 180 Höhenmeter habe ich am Ende auf der Uhr.
Das Leistungsniveau unserer Gruppe ist breit gefächert. Vom 2:30h-Marathoni bis zum Genussläufer ohne Wettkampfambitionen. Aber da es nicht mehr Gäste als kenianische Läufer gibt, ist das überhaupt kein Problem, und jeder Gast bekommt seinen persönlichen kenianischen Pacemaker zugeteilt. Diese Vorstellung kam mir zu Hause zunächst etwas peinlich vor, aber hier vorort verflüchtigen sich die Bedenken sofort, denn es herrscht einfach eine lockere ungezwungene Atmosphäre. Und die Aufteilung ergibt sich beim ersten gemeinsamen Lauf ganz von selbst. Als sich das Läuferfeld irgendwann weit auseinanderzieht, höre ich plötzlich eine Stimme neben mir, die sagt, „I’ll be your bodyguard for this week“. Wie sich im Laufe der Woche zeigen wird, ist mein “ Bodyguard“ Ronaldo ein unterhaltsamer, motivierender Pacemaker, und es macht viel Spaß, mit ihm zu laufen.
Nach dem Frühstück ist noch Zeit, sich auszuruhen, bevor um 11 Uhr die zweite Trainingseinheit startet. Unter dem Stichwort Lauftechniktraining machen wir Lauf- und Sprungübungen mit Hütchen, Hürden und Seilen. So ähnlich kenne ich das von zu Hause. Das Wetter wird schlechter. Es beginnt heftig zu regnen. Aber das hält uns nicht vom Training ab.

Mittags sind somit bereits zwei Trainingseinheiten absolviert und der Rest des Tages ist trainingsfrei.

Kenianische Vollpension

Das Essen auf der Hütte ist kenianisch. Für mich einer der Punkte, auf den ich am meisten neugierig bin. Während das Frühstück mit Brot und Marmelade und Müsli noch recht europäisch daher kommt, gibt es mittags und abends warme kenianische Mahlzeiten, die die Athleten in wechselnder Küchenschicht selbst zubereiten.
Nur am letzten Abend gibt es ein europäisches Essen, das die Gäste zubereiten. Zu trinken gibt es den ganzen Tag über Chai (Tee mit Milch), schwarzen Tee und Leitungswasser. Kaffee? Fehlanzeige. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt ohne Kaffee gefrühstückt habe. Aber so schlimm, wie ich es mir ausgemalt hatte, ist es gar nicht. Trotzdem wird es in den folgenden Tagen kaum einen Nachmittag geben, an dem wir nicht runter zum See wandern, um irgendwo einen Kaffee zu trinken.
Die Gerichte sind einfach und funktional, das heißt, es dient vor allem der Zuführung von Energie. Auf mehrgängige Menüs wartet man hier vergebens. Meistens besteht das Buffet aus zwei großen Töpfen, aus denen man sich bedient. Mittags gibt es oft Ugali. Das ist ein Maisbrei, der ohne Salz und andere Gewürze zubereitet wird und recht geschmacksneutral ist. Dazu gibt es zum Beispiel einen Bohneneintopf oder Spinat. Wenn mal kein Ugali auf dem Speiseplan steht, dann gibt es Nudeln oder Reis. Dazu wird ein Eintopf mit Kartoffeln und Bohnen oder Linsen gegessen.
Kartoffeln, Mais und Bohnen kann man auch zu einem Brei verarbeiten. Das nennt sich dann Mukimo und schmeckt mir wirklich gut.
An einem Abend ist gemeinsames Chapati-Kochen angesagt. Das sind Weizenmehlfladen, die in einer Pfanne gebraten werden. Für so viele Personen macht das ganz schön viel Arbeit, und wir sind locker zwei Stunden damit beschäftigt, die Fladen auszurollen und zu backen.
Das Essen ist vegetarisch und in weiten Teilen auch vegan. Für das Müsli zum Frühstück habe ich Reismilch dabei, aber ansonsten kann ich fast alles essen. Was mir schnell fehlt, ist frisches Obst und Gemüse. Abends gibt es zwar manchmal frisches Obst wie Wassermelone oder Nektarinen zum Nachtisch, aber das ist mir zu wenig und ich decke mich in einem Supermarkt wenigstens mit ein paar Früchten (und ich gebe zu: Schokolade) für Zwischendrin ein.

Kenianisches Lauftraining: das Trainingsprogramm

Die meisten Tage starten mit einem kurzen Morning Run um 6:30 Uhr. Nach dem Frühstück steht noch eine zweite Trainingseinheit an. Neben den Technik-Drills am ersten Tag gibt es in den folgenden Tagen noch Speedwork (eine Minute schnell und eine Minute langsam im Wechsel – und wenn die Kenianer langsam sagen, dann meinen sie wirklich unglaublich langsam) oder Hillwork (Bergsprints, die aufgrund der Wetterbedingungen auch unter dem Titel Mudwork durchgegangen wären). Diese Trainingseinheiten sind sehr kurz, im Hauptteil nur 20-30 min, aber sehr fordernd. In der Gruppe und mit persönlichem Antreiber macht das richtig viel Spaß. ‚

Ein weiteres Highlight ist die Challenge am Ende der Woche. Das ist sozusagen ein internes Rennen über 6,8 km, bei dem die Gäste gegeneinander antreten. Am Vorabend wird eine Startreihenfolge und die genauen Startzeiten festgelegt aufgrund aktueller 10km-Wettkampfzeiten oder Challenge-Resultaten aus den Vorjahren (denn es sind viele Stammgäste hier). Der voraussichtlich langsamste Teilnehmer startet zuerst, der schnellste zuletzt. Die Abstände werden so berechnet, dass alle Teilnehmer in etwa gleichzeitig am Ziel sind. Das ergibt dann ein lustiges Verfolgungsrennen.

Aber nicht nur der Rennmodus, sondern auch die Strecke ist kurzweilig. Sie beginnt mit einem flachen Stück am See, wird dann aber schnell schwieriger mit einigen steilen Anstiegen und Bergabpassagen. Die Regenfälle haben die Strecke dazu noch gut aufgeweicht. Ronaldo läuft auf den schwierigen Trails voraus und findet den besten Weg. Ich renne einfach hinterher. Wir überholen ein paar andere Läufer und werden selbst überholt. Am Ende sind alle ausgepowered und glücklich.

Und die Zeit dazwischen

Training und Essenszeiten geben dieser Woche ein grobes zeitliches Raster, in dem aber noch viel Zeit bleibt, um einfach faul auf dem Bett zu liegen und zu entspannen oder aber sich in der Wirtsstube zu treffen und gemeinsam mit den kenianischen Läufern und den europäischen Gästen zu plaudern oder zu spielen, zu essen oder Tee zu trinken. In der Wirtsstube ist man nie allein. Sie ist, auch wegen des unfreundlichen Wetters, der Dreh- und Angelpunkt der Laufwoche. Hier findet das statt, was die Laufwoche so besonders macht. Hier lernen wir, wie die Läufer in Kenia leben und trainieren, was ihre Eindrücke von Europa sind, spüren, ob sie untereinander eher Freunde oder Konkurrenten sind, schließen Freundschaften. Wir erzählen viel und hören viel zu. Wissen, wie groß die Unterschiede sind zwischen unserem und ihrem Leben. Und dann packen wir ein Spiel aus, spielen gemeinsam und sind auf einmal völlig gleich.

Weitere Informationen zu den Trainingswochen auf der Turracher Höhe und dem Konzept findest du unter https://www.run2gether.com/info/turracher-hoehe/

Vielen Dank Bettina für die tollen Erzählungen!
Den Originalbericht und viele weitere interessante Lauftipps findest du auf Bettinas Blog unter: http://trivegan.de/life/stories/kenianisches-lauftraining-in-oesterreich-513/

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